Oberengadin: die Seenplatte um St. Moritz, Sils und Silvaplana
Die Seenplatte zwischen Maloja und Celerina ist das Herzstück des Oberengadins. Vier Seen liegen so dicht beieinander, dass Uferwanderungen von See zu See fast ebenerdig möglich sind. Die Via Engiadina, der klassische Engadiner Höhenweg, zieht sich von Scuol bis Maloja und berührt dabei die schönsten Aussichtslagen oberhalb der Seenplatte. Wanderungen St. Moritz bedeuten in der Praxis: von der Bergstation Corviglia oder Corvatsch in den Panoramaweg einsteigen, von Muottas Muragl auf den See hinuntersehen oder im autofreien Val Fex eine ruhige Talwanderung machen. Für Familien führen Themenwege mit Holzskulpturen und Bachquerungen direkt ab den Dorfrändern. Oberengadin wandern heißt: viel Weite, wenig technische Anforderung auf den Talwegen, aber Respekt vor der Höhenlage auf den Bergwegen. Wer Gletscher und Bernina-Kulisse als Hintergrund will, ist hier besser aufgestellt als im Unterengadin.
Bernina: Val Roseg, Morteratsch und die Gletscherwelt ab Pontresina
Pontresina ist das Basislager für alles, was mit Gletschern zu tun hat. Das Val Roseg führt als flaches, autofreies Seitental direkt in die Bernina-Gruppe hinein: ein breiter Schotterweg zwischen Lärchen und Arven, mit dem Tschiervagletscher als Kulisse. Der Morteratschgletscher ist über einen markierten Weg erreichbar, der mit Steinmarkierungen zeigt, wo der Gletscher in früheren Jahrzehnten noch stand. Der Lej da Staz, ein kleiner Waldsee zwischen St. Moritz und Pontresina, verbindet die beiden Orte auf einer angenehmen Wanderung. Wandern St. Moritz Pontresina als Doppel-Standquartier macht Sinn: die Seenplatte und Höhenwege ab St. Moritz, Gletscher und Val Roseg ab Pontresina. Diavolezza erschließt mit der Bergbahn das Hochgebirge für alle, die nicht stundenlang aufsteigen wollen. Gegenüber dem Oberengadin ist die Bernina-Seite gletscherintensiver und ein Tick anspruchsvoller.
Unterengadin und der Schweizerische Nationalpark
Das Unterengadin um Scuol, Guarda und Ardez ist das ruhigere Tal: enger, grüner, mit romanischen Dörfern auf sonnigen Terrassenhängen. Zernez ist das Tor in den Schweizerischen Nationalpark, den ältesten Nationalpark der Alpen. Im Park selbst gelten klare Regeln, die seinen Charakter prägen: du bleibst auf den markierten Wegen, Hunde sind nicht erlaubt, du sammelst nichts und verlässt den Weg nicht. Das ist keine Verbotsliste, sondern das Prinzip, das aus dem Val Trupchun und dem Val Mingèr eine der wildesten Naturbeobachtungs-Landschaften der Schweiz gemacht hat. Im Val Trupchun wanderst du durch eine der dichtesten Steinbock- und Hirschpopulationen der Alpen. S-charl am Südende des Parks führt über den Ofenpass ins Val Müstair. Gegenüber dem Oberengadin ist das Unterengadin stiller, dörflicher und weniger auf Infrastruktur ausgerichtet — ideal für alle, die der Hochsaison ausweichen wollen.
Albula: Bergün, Preda und die Hochtäler zwischen Engadin und Davos
Das Albulatal ist der stille Westeingang ins Engadin-System: Bergün liegt am Fuß der berühmten Albulabahn-Schlaufen, das UNESCO-Welterbe Rhätische Bahn zieht hier spektakuläre Viadukte und Kehrtunnel durch das Tal. Abseits der Schienen öffnen sich stille Hochtäler rund um den Piz Kesch, die sich für mehrtägige Hüttentouren Graubünden besser eignen als die bevölkerteren Haupttäler. Hier startet auch unsere eigene Hüttentour, mehr dazu in Abschnitt 4 und 5. Gegenüber dem Oberengadin ist das Albulatal weniger touristisch geprägt und bietet Übergänge, die auch an Hochsaisonwochenenden keine Massen sehen.
Val Müstair: das stille Tal hinter dem Ofenpass
Das Val Müstair liegt hinter dem Ofenpass am Südostrand Graubündens und ist der größte Geheimtipp des Engadin-Systems. Das Kloster St. Johann in Müstair ist UNESCO-Weltkulturerbe und macht das Dorf zu einem kulturellen Ankerpunkt inmitten einer Berglandschaft. Die Biosfera Val Müstair schützt Lärchenwiesen, Trockenmatten und Übergänge nach Südtirol. Wer das Tal durchquert, findet sich in einer anderen Schweiz: kleiner, stiller, mit direktem Kontakt zu südtirolischen Dörfern auf der anderen Seite des Reschenpasses. Für alle, die schönste Wanderungen Engadin und schönste Wanderungen Graubünden suchen und dabei der bekannten Route ausweichen wollen, ist das Val Müstair die Antwort.